13.07.2011 - 08:38 Uhr |

IMG - Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH

Selbst mitgestalten, statt nur zu kommentieren

Quelle: Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt

Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin Prof. Dr. Birgitta Wolff (CDU) setzt auf enge Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft - Die Landespolitikerin im großen newsropa.de-Exklusivinterview

Magdeburg, 13.07.2011 (newsropa.de) - Seit April 2011 ist Prof. Dr. Birgitta Wolff Ministerin für Wissenschaft und Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt. Im großen newsropa.de-Exklusivinterview sprachen wir jetzt mit ihr über eine Region mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten. Dafür will Wolff Unternehmen und Hochschulen noch enger verzahnen, "damit sie sich gegenseitig neue Ideen und Impulse geben". Denn das Ziel ihrer Politik ist mit nachhaltigem Handeln, "noch mehr Investoren anzulocken".

Frau Ministerin Wolff, Sachsen-Anhalt gilt mittlerweile als eine Region mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten. Wie wurde diese Entwicklung so positiv angeschoben?

Birgitta Wolff: In der Tat zeigt sich unser Bundesland seit einigen Jahren von seiner dynamischen Seite. Trotz Wirtschaftskrise hat das Bruttoinlandsprodukt seit 2006 zugelegt, viele neue Arbeitsplätze sind entstanden, die Arbeitslosigkeit erreichte den geringsten Wert seit Anfang der 1990er Jahre. Dabei profitieren wir von unserer günstigen Lage im Herzen Europas, von der hervorragenden Verkehrsinfrastruktur, dem noch immer guten Fachkräftereservoir sowie der exzellenten Wissenschaftslandschaft, die auch international einen guten Ruf genießt. Flankiert wurde dies durch kluge Wirtschaftsförderung. So haben wir seit 2006 nicht nur Investitionen von mehr als sieben Milliarden Euro durch Förderung angeschoben, sondern auch die Entwicklung mehrerer großflächiger Industriegebiete in erstklassigen Lagen forciert und drei wirtschaftsnahe Forschungsinstitute in den Schlüsselbranchen Chemie, Automotive und Erneuerbare Energien aus der Taufe gehoben.

In den nächsten Jahren wollen Sie die innovationsorientierten Wirtschaftsstrukturen, durch die Intensivierung des Technologietransfers, weiter auf- und ausbauen. Welche Projekte gibt es bisher, was ist konkret geplant?

Birgitta Wolff: Wir wollen Unternehmen und Hochschulen noch enger verzahnen, damit sie sich gegenseitig neue Ideen und Impulse geben. Derzeit nutzen die kleinen und mittleren Betriebe das Potenzial unserer Hochschulen noch viel zu wenig. Deshalb werden wir bis Ende des Jahres einen Transfergutschein einführen, den Unternehmer bei einer Hochschule einlösen können. Sie bekommen dafür Beratungsleistungen im Wert von 400 Euro. Das ist zwar keine große Summe. Aber wir können damit viel gewinnen, weil die Unternehmen mit Hochschulen ins Gespräch kommen und merken, dass sich die Kooperation lohnt. Dann wird die Wirtschaft auch von sich aus auf die Wissenschaft zugehen. Zusätzlich werden wir den Fokus der Investitionsförderung künftig noch stärker auf die Ansiedlung von Unternehmen mit Forschungskapazitäten und die Förderung hochwertiger Arbeitsplätze legen.

Wie wollen Sie es schaffen, die gut entwickelten Forschungszentren noch näher an die Wirtschaft zu binden? Welche Kooperationen existieren schon oder sind künftig geplant?

Birgitta Wolff: Für eine intensive Bindung von Forschungszentren und Wirtschaft müssen einerseits die Forschungs- und Entwicklungsangebote zu den Bedarfen der Wirtschaft passen und andererseits die kleinen und mittleren Unternehmen auch dafür aufnahmefähig sein. Ein Positivbeispiel dafür ist beispielsweise das Pulvermetallurgische Kompetenz-Centrum PMC Thale, das es geschafft hat, seine Forschungsleistungen durch effiziente Netzwerksinitiativen auf die Bedarfe der Unternehmen auszurichten und Wissenstransfer praktisch zu realisieren. Diese Orientierung an der Wirtschaft ist natürlich auch beim schon angesprochenen Auf- und Ausbau der drei Forschungszentren Programm. So stehen für das Institut für Kompetenz in AutoMobilität IKAM, das Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaik CSP und das Fraunhofer-Zentrum für Chemisch-Biotechnologische Prozesse CBP insgesamt mehr als 140 Millionen Euro an Fördermitteln von Bund, Land und EU zur Verfügung. Daneben fördern wir in vielen Bereichen Cluster- und Netzwerkstrukturen sowie Verbundvorhaben, bei denen Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam Forschungs- und Entwicklungsvorhaben umsetzen.

In Ihrer Landeshauptstadt Magdeburg hat sich mittlerweile der so genannte Wissenschaftshafen – auch im internationalen Maßstab – einen hervorragenden Namen gemacht. Ein Prestigeobjekt oder zum Nachahmen auch für andere Regionen Sachsen-Anhalts geeignet?

Birgitta Wolff: Vergleichbare Projekte gibt es ja schon – auch in anderen Regionen. So stellt etwa der weinberg campus in Halle auf Gebieten wie Bio- und Nanotechnologie, Softwareentwicklung oder Umwelttechnik exzellente und wirtschaftsnahe Forschungsinfrastruktur zur Verfügung. Sowohl Wissenschaftshafen als auch weinberg campus sind keine Prestigeobjekte, sondern Leuchtturmprojekte einer wirksamen Forschungs- und Transferstruktur, die in die jeweilige Hochschulforschung perfekt integriert ist. Damit sind beide durchaus auch Vorbild für die anderen Hochschulen des Landes, ihren jeweiligen Wissenschaftscampus bedarfsgerecht auszugestalten und mit Transferinfrastrukturen zu kooperieren. Da ist schon jetzt eine Menge Bewegung drin – aber es gibt noch weiteres Potential.

Ein großes Problem für Sachsen-Anhalt ist schon heute der Fachkräftemangel. Wie wollen Sie ausreichend Fachpersonal zur Verfügung stellen, um die Wirtschaft in Schwung zu halten?

Birgitta Wolff: Derzeit haben wir noch keinen Fachkräftemangel, sondern lediglich Engpässe in einzelnen Regionen und Branchen. Die Situation wird sich aber – wie auch in Deutschland insgesamt – verschärfen, da das Potential an Erwerbspersonen bis 2016 altersbedingt um rund 155.000 Erwerbspersonen sinkt – ein Rückgang um 13 Prozent innerhalb weniger Jahre. Um diesen abzumildern, fahren wir mehrgleisig. Angesichts von rund 134.000 Arbeitslosen, darunter viele länger als ein Jahr ohne Job, stehen natürlich Qualifizierung und Vermittlung im Vordergrund. Außerdem müssen wir alles daran setzen, die Zahl der Schulabbrecher zu verringern und die Berufsorientierung weiter zu verbessern. Darüber hinaus braucht es attraktive Lohn- und Arbeitsbedingungen in heimischen Unternehmen, um etwa Hochschulabsolventen im Land zu halten. Hierzu gehört ganz wesentlich die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gerade mit dem im vergangenen Jahr von Landesregierung, Kammern, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Kommunen geschlossenen Fachkräftesicherungspakt haben wir an diesen Punkten angesetzt. Zudem wollen wir durch gezielte Innovationsförderung hochwertige Arbeitsplätze schaffen und möglichst viele Fernpendler und Weggezogene wieder zurück ins Land holen.

Wie sind die bisherigen Erfahrungen mit der Rückkehrer-Börse? Kommen mittlerweile genug Menschen aus den alten Ländern zurück in die Heimat?

Birgitta Wolff: Mit den Rückkehrern allein lassen sich die Fachkräfteengpässe natürlich nicht beheben. Dennoch stimmt es hoffnungsvoll, wenn 60 Prozent der Ausgewanderten grundsätzlich bereit sind zurückzukommen. Zudem haben wir es in den vergangenen drei Jahren mithilfe des Fachkräfteportals PFIFF geschafft, fast 2.200 Stellen im Land zu besetzen. Darunter sind viele Fernpendler, die statt auf der Autobahn nun bei ihren Familien sind. Damit hat sich PFIFF als echter Marktplatz für Fachkräfte etabliert.

Wie reagiert das Standortmarketing auf die nicht immer leichten Bedingungen? Welche Projekte wird die Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH (IMG) in den nächsten Jahren schultern müssen, um Sachsen-Anhalt zukunftsfähig zu machen?

Birgitta Wolff: Meine Vorstellung ist, dass sich die IMG noch stärker als bisher als Standortmarketing-Agentur versteht und sich als überregionaler und internationaler Ansiedlungsakquisiteur profiliert. Darüber wird es Gespräche geben. Ich glaube aber nicht, dass die IMG die Rolle der mitunter von der Wirtschaft geforderten „one-stop-agency“ übernehmen wird, weil es immer auch Einflussbereiche der Kommunen geben wird und auch geben muss. Denn zu einer sozialen Marktwirtschaft gehört, dass Vieles dezentral vonstatten geht.

Als zentrales Thema für die Wirtschaftspolitik rückt immer mehr der Energiewandel in den Fokus. Wie ist Sachsen-Anhalt auf die neue Energiepolitik (das neue Energiekonzept) der Bundesregierung vorbereitet? Welche innovativen Projekte gibt es zukünftig auf Landesebene?

Birgitta Wolff: Die Energiewende ist bei uns längst Realität. 2009 stammte mehr als ein Drittel des hierzulande erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien. Damit haben wir schon damals das im Zuge des Atomausstiegs bundesweit für 2020 angepeilte Ziel erreicht. Zudem hat sich Sachsen-Anhalt auch einen Namen gemacht als ausgezeichneter Produktionsstandort für Komponenten zur Energieerzeugung. Damit heimische Unternehmen technologisch weiter in der ersten Liga spielen können, haben wir den Aufbau industrienaher Forschungseinrichtungen wie des Fraunhofer-Centers für Silizium-Photovoltaik CSP in Halle und Schkopau und des Instituts für Kompetenz in AutoMobilität IKAM in Magdeburg und Barleben forciert. Auch bei einem der Knackpunkte der Energiewende, der Speichermöglichkeit für Überkapazitäten von Wind- und Sonnenstrom, gehen wir voran. So soll südlich von Magdeburg ein neuartiger Druckluftspeicher entstehen. Zusätzlich brauchen wir aber auch eine höhere Akzeptanz für den dringend erforderlichen Netzausbau, um den Windstrom von Nord nach Süd transportieren zu können. Gleichzeitig ist insbesondere die energieintensive Industrie zur Absicherung der Grundlast für absehbare Zeit auf konventionelle Energieträger wie Gas oder Braunkohle angewiesen.

Frau Ministerin, Sachsen-Anhalt im Jahr 2020: Überwiegt Sorge oder Optimismus für die Entwicklung Ihrer Region?

Birgitta Wolff: Das Schöne an der Politik ist ja, dass man selbst mitgestalten kann, statt nur zu kommentieren. Deshalb schaue ich mit einer gesunden Portion Optimismus in die Zukunft. Selbstverständlich werden die Herausforderungen nicht kleiner. Die wichtigsten Stichworte sind da Demografie und zurückgehende Transferleistungen von EU, Bund und aus dem Länderfinanzausgleich. Und natürlich können wir auf Landesebene nicht alle Dinge regeln. Was wir aber können, ist, die richtigen Rahmenbedingungen für eine positive Entwicklung zu setzen. Dazu gehört vor allem die engere Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft, die auch Investoren anlocken wird.