12.02.2015 - 08:59 Uhr |

2b AHEAD ThinkTank GmbH

"Zukunftsforscher: Versprechungen des Fortschrittsberichts illusorisch"

Zukunftsforscher Janszky: „Versprechungen des Fortschrittsberichts illusorisch: 2025 wird es 3-4 Millionen unbesetzte Jobs geben. Deutsche werden bis 75 Jahren arbeiten wollen!“

Leipzig, 12.02.2015 (newsropa.de) - Einer der bekanntesten Zukunftsforscher Deutschlands, Sven Gábor Jánszky, hält den heute von der Bundesregierung vorgelegten «Fortschrittsbericht 2014 zum Fachkräftekonzept der Bundesregierung» für illusorisch. Er kritisiert insbesondere die „falschen Versprechungen“ über die mögliche Lösung des Fachkräfteproblems durch eine erhöhte Zuwanderung sowie die Karriereförderprogramme für Frauen.

Sven Gabor Janszky und sein Trendforschungsinstitut „2b AHEAD ThinkTank“ sagen aufgrund demografischer Umbrüche in den kommenden Jahren eine Ära der Vollbeschäftigung für Deutschland voraus. Doch was positiv klingt, wird möglicherweise zu einem größeren Problem für Deutschland, als es die Massenarbeitslosigkeit der vergangenen Jahrzehnte war.

Dauerhaft 2-5 Millionen fehlende Arbeitskräfte

Die Prognosen sind dabei eindeutig: Der deutsche Arbeitsmarkt verliert in den kommenden zehn Jahren 6,5 Millionen Arbeitskräfte, weil die vielen Babyboomer in Rente gehen und nur die geburtenschwachen Jahrgänge nachrutschen. In der Summe ergibt das über die kommenden Jahre dauerhaft eine nicht zu füllende Lücke an fehlenden Arbeitskräften. Die optimistischen Studien sagen eine Lücke von 2 Millionen voraus, die Pessimisten gehen von 5,2 Millionen aus. Um es einfach zu sagen: Wir werden erleben, dass bei ordentlich ausgebildeten Mitarbeitern jede Woche zweimal der Headhunter klingelt. Janszky wörtlich: „Das ist für Arbeitnehmer das Paradies. Sie bekommen mehr Macht und mehr Geld. Aber für Unternehmen ist das eine Katastrophe. Ihnen droht das, was wir im vergangenen Jahr schon einmal bei einem Stellwerk der Deutschen Bahn in Mainz gesehen haben. Dort haben über drei Wochen die Spezialisten gefehlt. Was war die Folge? Die Züge fuhren an Mainz vorbei. Das Produkt wurde also nicht produziert. Genau das droht in allen Branchen,” so Janszky.

Nur noch 40% Langzeitangestellte … Neu: 40% Projektarbeiter

Der Zukunftsforscher geht davon aus, dass die heute übliche „Anstellung auf Lebenszeit“ auf etwa 30-40% der Gesamtarbeitnehmer zurückgeht. Auf der anderen Seite entstehen etwa 30-40% sogenannte Projektarbeiter. Diese sorgen für einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt. Denn die lassen sich nicht auf Lebenszeit anstellen, sondern nur für ein Projekt; also für maximal 2-3 Jahre. Danach wechseln die Projektarbeiter zumeist wieder das Unternehmen. Für die Unternehmen lässt sich die drohende Katastrophe in einem Satz beschreiben: „Wieviel kostet es, aller 3 Jahr jeweils 40% der besten Mitarbeiter in einem leergefegten Arbeitsmarkt bei der Konkurrenz abwerben zu müssen?“

Die entstehende Situation im deutschen Arbeitsmarkt der Jahre 2020 – 2025 und die möglichen Gegenstrategien der Unternehmen haben die Trendforscher schon vor zwei Jahren in ihrem Buch „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ skizziert. Sie erklären, warum es dann keine Stellenausschreibungen mehr geben wird, warum die besten Mitarbeiter gekündigt werden müssen, wie Employer Branding von der Employee Value Proposition abgelöst wird, wie das Corporate Life funktioniert, warum Personaler zu Datenanalysten werden, wie Senior-Trainee- und Unlearn-Programme entstehen, wie Personaler zu Inhouse-Headhuntern und Personalberater zu 360°-Managern werden, warum Menschen bis 80 arbeiten wollen, wie Career Transition Strategien entstehen, warum Sie betriebseigenen Schulen gründen werden und eigenen Mitarbeiter an die Konkurrenz verleihen, warum der Chief Change Officer den Personalchef ersetzen wird ... und welche Strategiewege sich für die Unternehmen in den kommenden zehn Jahren ergeben. Entweder werden sie zu einem „Fluiden Unternehmen“ oder zu einer „Caring Company“.

Janszky zur aktuellen Arbeitsmarktpolitik: „Gefährliche Ignoranz von gesellschaftlichen Trends“

Die Orientierung des Fortschrittsberichts der Bundesregierung auf Karriereförderprogramme für Frauen und eine verstärkte Zuwanderung, ist in den Augen des Zukunftsforschers von einer „gefährlichen Ignoranz gesellschaftlicher Trends geprägt“. Die Zahl der auf dem globalen Arbeitsmarkt nach Deutschland Einwanderungswilligen prognostiziert er auf einen Korridor von 400.000 – 900.000 über die kommenden zehn Jahre. Die durch Frauenförderprogramme erreichbaren Mehrarbeitskräfte beziffert er auf 400.000 – 800.000 in den kommenden zehn Jahren. Janszky: „Selbstverständlich muss es diese Programme geben. Auch eine offenere Zuwanderungspolitik ist nötig. Aber wir dürfen uns nicht vormachen, dass wir dadurch imstande wären, unsere Probleme von 6,5 Millionen fehlenden Menschen im Arbeitsmarkt zu lösen.“

Einzig mögliche Lösung: „Ältere Generation muss arbeiten bis 75 oder 80“

Die einzig realistische Lösung für den deutschen Arbeitsmarkt liegt nach den Worten des Zukunftsforschers in der älteren Generation. Er kritisierte die Politik, die nach seinen Worten die aktuelle politische Diskussion um das gesetzliche Rentenalter mit den Glaubenssätzen der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts führt. In Wahrheit liege die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 2025 bei 90 Jahren. Janszky: „Wir müssen uns ernsthaft die Frage beantworten, was wir in den 30 Jahren zwischen 60 und 90 tun wollen? 30 Jahre Urlaub? Das ist verdammt langweilig und völlig unbezahlbar. Also werden die Menschen weiter arbeiten wollen. Nach meiner Prognose bis 75 oder 80. Denn Arbeit bringt den meisten von uns Anerkennung und Zugehörigkeit. Darauf wird keiner verzichten wollen.“

Recherchequellen zum Nachlesen:

Buch: „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ (2013), Goldegg Verlag, Wien

Buch: „Das Recruiting Dilemma“ (2014), Verlag Haufe-Lexware, Heidelberg

Zukunftsstudie: „HR-Strategien der Zukunft“ (2014) unter: www.2bahead.com/studien/trendstudie/detail/trendstudie-hr-management-der-zukunft/ <http://www.2bahead.com/studien/trendstudie/detail/trendstudie-hr-management-der-zukunft/>